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„Ein Kasten Bier erscheint nicht auf der Türschwelle, weil man auf eine App getippt hat ...“

Experten nahmen Arbeitsbedingungen in Lieferdienste und Online-Handel unter die Lupe

Click and buy? – die Referenten und Moderator*innen der Runde: Oben v.li.: Ortrud Harhues (KAB-Bildungswerk), Prof. Dr. Werner Nienhüser (Forum), Heiner Heiland (Uni Darmstadt); Mitte v.li.: Lennart Vogt (Student), Norbert Janssen (KönzgenHaus), Karsten Rupprecht (verdi); Unten v.li.: Michael Ossege (KönzgenHaus)


Haltern am See. Sie liefern Pizza, bringen Heckenscheren und fahren stilles Wasser aus ... die Lieferdienste und Online-Händler auf den Straßen Deutschlands. Über eine halbe Million Menschen in Deutschland arbeiten inzwischen bei Lieferdiensten wie Lieferando und Flaschenpost und Unternehmen wie dem Online-Riesen Amazon. Für weniger Geld als in anderen Branchen, mit vielen „geringfügig Beschäftigten“ und fast ein Drittel aller Arbeitnehmer*innen bekommt Lohn ohne Sozialversicherung, so Professor Dr. Werner Nienhüser von der Universität Duisburg-Essen und Mitglied im Halterner Forum für Demokratie, Respekt und Vielfalt. Zusammen mit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) und der Bildungsstätte KönzgenHaus hatte das Forum zur Gesprächsrunde „Click and buy?“ im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „(Un-)Würdige Arbeit“ eingeladen.

Lennart Vogt ist Student und kennt die Arbeitsbedingungen aus eigener Erfahrung als ehemaliger Fahrer eines Getränkelieferdienstes. Er erzählte, wie ein Arbeitswerkzeug – das Smartphone mit der Bestell-App – ein Instrument der Kontrolle über die Fahrer wird. Gleichzeitig, so Vogt, sei er für das Unternehmen nicht mehr als eine „simple Nummer“ gewesen – statt eines wertvollen Mitarbeiters. Von einem Betriebsrat hatte er in seiner Zeit der Betriebszughörigkeit nie etwas gehört.

Die Frage von guten oder schlechten Arbeitsbedingungen allein an der Existenz eines Betriebsrates fest zu machen, davor warnt verdi-Gewerkschaftssekretär Karsten Rupprecht aus Dortmund. Die unnötige Befristung von Arbeitsverträgen sei ein Grundübel in der Arbeitswelt. „Wer befristet ist und darauf hofft, irgendwann einen unbefristeten Vertrag zu erhalten, der läuft schneller als er laufen muss, der packt die Pakete noch flotter, der lässt Pausen auch mal aus und schleppt sich auch mal krank zur Arbeit.“

Für Heiner Heiland von der Technischen Universität Darmstadt sind solche Verhältnisse vergleichbar mit „frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen“: Der Mensch zählt wenig. Der Profit alles. Der Soziologe untersucht, wie die Digitalisierung die Arbeit verändert. Dazu hat er selbst als Fahrradkurier für Online-Plattformen gejobbt. Heiland stellt eine „ausgeprägte Fragmentierung“ fest. Die Beschäftigten haben wenig Kontakt untereinander, arbeiten oder „jobben“ aus sehr unterschiedlichen Gründen beim Dienstleister und kommen obendrein aus sehr unterschiedlichen Lebensverhältnissen – das seien spezifische Merkmale der Plattformarbeit, die die Durchsetzung der Arbeitnehmerinteressen in vielen Fällen erschweren.

Was nun tun? – fragte Moderatorin Ortrud Harhues vom KAB-Bildungswerk in die Runde.

Die Politik müsse dem Missbrauch von befristeten Arbeitsverträgen ein Ende setzen, sagt Karsten Rupprecht. Er warnt vor Boykott-Aufrufen. Die seien für die Beschäftigten keine Lösung. Er forderte vielmehr die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels in NRW, wie sie bis 2001 bestand. Dann würde der Wettbewerb zwischen Läden vor Ort und dem Online-Handel nicht weiter auf den Schultern der Beschäftigten ausgetragen werden, sondern „in den Regalen“.

Auf die Macht des Konsumenten und Kunden hofft Ex-Lieferdienst-Fahrer Lennart Vogt. „Ein Kasten Bier erscheint nicht plötzlich auf der Türschwelle, nur, weil man auf eine App getippt hat“, beschreibt Vogt, „sondern weil ein Mensch den Kasten einlädt, umherfährt, auslädt, die Treppe hochschleppt und übergibt. Keine Nummer, sondern ein Arbeitnehmer, der Respekt verdient – vom Unternehmen und vom Kunden.“

Beschäftigte der Plattformen stünden ihren Arbeitsbedingungen nicht ohnmächtig gegenüber, betont Heiner Heiland. Es gäbe inzwischen viele digital vernetzte „Fahrergruppen“, die sich über ihre Arbeit, über Missstände vor Ort und über mögliche Gegen-Schritte verständigen.

Und um die „Auspressung von Profit und die in der Betriebswirtschaftslehre weit verbreitete Idee eines Unternehmens ohne Mitarbeiter“ zu beenden, gäbe es, so Werner Nienhüsers Fazit, ja noch die Idee mit der Genossenschaft ... Stoff für weitere spannende Gesprächsrunden.

 

Text: Heike Honauer

Screenshot: Werner Nienhüser
19.04.2021

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